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FAQs: Migration  FAQs: Migration

 

Klaus J. Bade, Jochen Oltmer, Normalfall Migration: Texte zur Einwandererbevölkerung und neue Zuwanderung im vereinigten Deutschland seit 1990, Bundeszentrale für Politische Bildung bpb 2004

Kapitel 1 Wanderungen und Wanderungspolitik

Vom späten Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

1.1 Ein Auswanderungsland wird „ Arbeitseinfuhrland" - Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

1.2 „Feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg

1.3 Migration und Protektionismus in der Zwischenkriegszeit

1.4 Arbeitsmarktkontrolle und Zuwanderungsbegrenzungspolitik

1.5 Flucht, Vertreibung und Emigration als Massenphänomene

1.6 Flucht, Deportation und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg


1.2 „Feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur auch in der Geschichte der Ausländerbeschäftigung und Ausländerpolitik in Deutschland. Insgesamt leisteten 60 Millionen Europäer 1914 bis 1918 Kriegsdienst in Heer und Marine. 7,9 Millionen Männer wurden in Frankreich mobilisiert, in Großbritannien waren es 6,1 Millionen, in Russland bis zur Revolution von 1917 rund 15 Millionen und in Deutschland über 13 Millionen. Für die deutsche Bevölkerung bedeutete diese Zahl eine Mobilisierung von fast 20 pro 100 Einwohner; auf die männliche Bevölkerung umgerechnet waren das beinahe alle Männer im militärpflichtigen Alter und über 80 Prozent der erwachsenen Männer. Weil es sich ausschließlich um erwerbsfähige und zum allergrößten Teil auch um erwerbstätige Personen handelte, musste die Mobilisierung erhebliche Folgen für die Wirtschaft während der Kriegsjahre haben. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung bildete der Mangel an Arbeitskräften eines der grundlegenden Probleme der deutschen Kriegswirtschaftspolitik 1914 bis 1918. Vor allem in drei Bereichen stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften: in der Rüstungsindustrie, im Bergbau und in der Landwirtschaft. Eine Maßnahme zu deren Befriedigung war zum einen die Entlassung oder Beurlaubung gerade mobilisierter Soldaten an ihrer alten Arbeitsplätze. Zum anderen wurde die Rekrutierung von bis dahin nicht in der Wirtschaft beschäftigten Frauen und Jugendlichen vorangetrieben. Damit unmittelbar verbunden waren Überlegungen zur Standardisierung und Rationalisierung in der Produktion, die die Beschäftigung angelernter Arbeitskräfte erleichtern sollten. Darüber hinaus wurde die Freizügigkeit von Arbeitskräften beschränkt, der Arbeitsplatzwechsel also erschwert.

In Deutschland aber konnte die Zahl der zu entlassenden bzw. zu beurlaubenden Soldaten nicht angemessen mithilfe solcher Maßnahmen gesteigert werden, und auch die vermehrte Beschäftigung von bis Kriegsbeginn nicht beschäftigten Frauen oder Jugendlichen löste das Problem nicht, fehlte es doch vor allem an qualifizierten Arbeitskräften. Deshalb ließ der im Kriegsverlauf wachsende Mangel an (Fach-)Arbeitskräften die Unternehmen und zuständigen Behörden bei der Suche nach Arbeitskräften über die jeweiligen nationalen Arbeitskräftepotenziale hinausgreifen und die Rekrutierung immer stärkerer Kontingente ausländischer Arbeitskräfte forcieren.

Obgleich es weiterhin eine nennenswerte Anzahl von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Ausland gab, die freiwillig in der deutschen Kriegswirtschaft arbeiteten, prägte zunehmend Zwangsarbeit die Ausländerbeschäftigung im Krieg. Der weitaus überwiegende Teil der ausländischen Arbeitskräfte - bei Kriegsende mindestens 2,5 Millionen Menschen und damit fast ein Zehntel aller Erwerbstätigen des Vorkriegsstandes bzw. rund ein Siebtel aller Erwerbstätigen im letzten Kriegsjahr - kam aus dem so genannten „feindlichen Ausland". Bei über 1,5 Millionen handelte es sich um Kriegsgefangene, die, soweit es Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrade waren, laut Artikel 6 der international anerkannten „Haager Landkriegsordnung" von 1907 zur Arbeit für den so genannten „Nehmestaat" gezwungen werden konnten. Tatsächlich zogen die verantwortlichen Militärbehörden im Reich sie in der Kriegssituation auch bis auf wenige Ausnahmen zum „Arbeitseinsatz" heran.

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Weiterhin stellten zivile ausländische Arbeitskräfte ca. eine Million Beschäftigte in der deutschen Kriegswirtschaft. Die deutschen Zivil- und Militärbehörden behandelten sie, anders als die Kriegsgefangenen, nicht als einheitliche Kategorie, obgleich auch sie zum größten Teil zu den „feindlichen Ausländern" zählten. Das galt besonders für die bei Kriegsende 1918 etwa 500000 bis 600000 auslandspolnischen Arbeitskräfte. Die bereits in der Vorkriegszeit restriktive Politik gegenüber den Polen aus Russland verschärfte sich mit Kriegsbeginn weiter: Als „feindliche Ausländer" wurden sie sogleich reichsweit unter ein Rückkehrverbot gestellt, durften also nicht in ihre Heimat zurückkehren, wozu sie im Rahmen der preußischen Abwehrpolitik vor dem Krieg alljährlich gezwungen worden waren, um Daueraufenthalte oder gar Einwanderungsprozesse zu blockieren. Sie unterlagen außerdem einem Ortswechselverbot und waren an einen Arbeitgeber gebunden. Faktisch waren damit die polnischen Staatsangehörigen zu Zwangsarbeitern geworden, die weder über ihren Aufenthaltsort noch ihren Arbeitgeber frei entscheiden konnten.

Auch die rund 100000 niederländischen Arbeitskräfte waren während des Krieges insbesondere im Westen des Reiches eine für die deutsche Landwirtschaft und Industrie wichtige Beschäftigtengruppe. Ihnen gegenüber aber gab es in der Kriegssituation vonseiten der deutschen Behörden keine wesentlich andere Politik als vor Kriegsbeginn und keine Regelungen, die ihre Freizügigkeit gravierend behinderten. Das galt auch für andere Arbeitskräftegruppen aus dem neutralen Ausland, die aber bei weitem kein den Niederländern vergleichbares Gewicht hatten, wie zum Beispiel die Schweizer und Dänen, die Schweden und Norweger.

Die Ausrichtung der deutschen Politik gegenüber ausländischen Arbeitskräften während des Ersten Weltkriegs bemaß sich offensichtlich nicht vorbehaltlos danach, welcher Kriegskoalition die Heimatstaaten der Ausländer angehörten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der im Reich verbliebenen italienischen Arbeitskräfte beispielsweise verschlechterten sich trotz des Kriegseintritts Italiens aufseiten der Entente 1915/16 kaum. Ihre Situation war damit de facto besser als diejenige einer Arbeitskräftegruppe aus der dem Reich verbündeten österreichisch-ungarischen Monarchie: Die in der Vorkriegszeit den preußischen Behörden „nationalverdächtigen" Polen aus Galizien, deren Zahl allerdings nach Kriegsbeginn aufgrund der Mobilmachung in Österreich-Ungarn stark zurückging, unterlagen weiterhin einer restriktiven Überwachung. Wegen der Kriegskoalition konnte zwar kein Rückkehrverbot gegen sie ausgesprochen werden, aber ihre Rückkehr wurde dennoch administrativ erschwert und verlangsamt, was zu heftigen Protesten Wiens in Berlin führte.

In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn 1914 herrschte die Auffassung vor, es handele sich nur um einen begrenzten, absehbar kurzen Feldzug, der keine besonderen Maßnahmen zur Ausrichtung der industriellen und landwirtschaftlichen Produktionskapazitäten auf den Krieg erfordere. Wirtschaft und Arbeitsmarkt aber gerieten durch die Mobilmachung von Millionen Soldaten zunächst in die Krise: Die Produktion verringerte sich in den ersten Kriegsmonaten stark. Massenentlassungen führten zur Massenerwerbslosigkeit, die in Deutschland etwa 20 Prozent aller Beschäftigten betraf. Immer massivere Einberufungen zu den Heeren und der Boom der Rüstungsindustrien trugen allenthalben in den ersten Monaten des Jahres 1915 zur Überwindung dieser Phase bei - Arbeitskräftemangel kennzeichnete nun für die folgenden Kriegsjahre immer mehr die Arbeitsmarktsituation.

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Angesichts der ständigen Verschärfung der Arbeitskräftesituation im Reich seit 1915 rückte neben dem Problem, die ausländischen Arbeitskräfte im Inland zu halten, die Frage nach einer weiteren Rekrutierung von Arbeitskräften im Ausland in den Mittelpunkt der deutschen Ausländerpolitik. Mit Kriegsbeginn waren zunächst die in der Vorkriegszeit wichtigsten Herkunftsgebiete ausländischer Zivilarbeitskräfte für Landwirtschaft und Industrie Deutschlands blockiert. Das galt sowohl für Russland, das aufseiten der Kriegsgegner stand, als auch für Österreich-Ungarn. Die Doppelmonarchie war zwar als Verbündete des Reiches in den Krieg eingetreten, beschränkte aber von Beginn an die Anwerbung nach Deutschland mit dem Hinweis auf die eigene Mobilmachung und den Arbeitskräftebedarf für die Rüstungsindustrie sowie bald auch für den Wiederaufbau der anfangs von russischen Truppen besetzten Gebiete Galiziens. Italien fiel spätestens mit der Kriegserklärung an die Mittelmächte (1915 bzw. 1916) ebenfalls weitgehend aus. Erfolgreiche Offensiven der Mittelmächte führten allerdings bis Oktober 1915 zur Besetzung Russisch-Polens. Damit geriet das vor dem Krieg wichtigste Rekrutierungsgebiet für ausländische landwirtschaftliche Arbeitskräfte unter direkte Kontrolle der Mittelmächte - eine Situation, wie sie in Belgien aufgrund der deutschen Besetzung bereits seit November 1914 existierte.

Die Bevölkerung beider Gebiete, Polen und Belgien, wurde seit 1915/16 zum Objekt der deutschen Arbeitskräftepolitik. Polen entwickelte sich - wie in der Vorkriegszeit - in erster Linie zum Rekrutierungsgebiet der Landwirtschaft, Belgien hingegen vornehmlich zu dem der Rüstungsindustrie. In der Kriegssituation galt in beiden Fällen, dass sich dabei „zusehends die Grenzen zwischen zwangsweiser Deportation und ‚Freiwilligkeit' bei der Unterzeichnung von Arbeitskontrakten durch die Arbeiter" auflösten. Weil die Zahl „freiwilliger" Meldungen insgesamt weit unter dem Niveau blieb, das die deutschen Behörden für notwendig erachteten, griffen diese immer häufiger zu Zwangsmitteln. Als ein Ziel der Besatzungspolitik galt dabei zunächst die absichtsvolle Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den Besatzungsgebieten, die weite Bevölkerungskreise dazu nötigen sollte, in der Heimat oder im Reich für die Besatzungsmacht zu arbeiten. Diese Politik führte in Polen zunächst eher zum Ziel als in Belgien, wo internationale Hilfsorganisationen dafür sorgten, dass die wirtschaftliche Misere keine tief greifende soziale Not nach sich zog wie in Polen.

Im Oktober 1916 begann dann die direkte Deportation von Arbeitskräften aus dem besetzten Belgien nach Deutschland, nachdem bis dahin eine insgesamt für zu gering erachtete Zahl von ca. 30000 belgischen Arbeitskräften zur Arbeit in Deutschland angeworben worden war. Innerhalb der nächsten vier Monate bis Februar 1917 wurden etwa 61000 belgische Staatsangehörige nach Deutschland deportiert - ein politischer wie wirtschaftlicher Fehlschlag, denn nur der geringere Teil der Zwangsrekrutierten konnte auch tatsächlich längerfristig auf Arbeitsstellen beschäftigt werden. Rund zwei Monate nach Abschluss der Deportationen galt dies erst für knapp die Hälfte der betroffenen Menschen, von denen bis Mitte 1917, insbesondere aufgrund heftiger Proteste aus dem Ausland, wiederum etwa zwei Drittel nach Belgien zurückkehren konnten.

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Die ebenfalls Ende 1916 einsetzenden Deportationen aus den besetzten polnischen Gebieten waren im Sinne einer Erhöhung des Arbeitskräftebestandes im Reich letztlich ebenso erfolglos. Die Zwangsrekrutierung ausländischer Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten im Westen und Osten scheiterte nicht allein aufgrund außenpolitischer Rücksichtnahmen. Es mangelte zudem an Mitteln zur Durchsetzung einer konsequenten Zwangspolitik gegenüber den vielfach „arbeitsunwilligen" Deportierten. Die in Polen verzeichneten Deportationen und „freiwilligen" Meldungen konnten nur den Umfang der auslandspolnischen Arbeitskräftegruppe stabilisieren, nicht aber die für notwendig gehaltene große Zahl neuer Arbeitskräfte in die deutsche Kriegswirtschaft führen: 1918 befanden sich etwa so viele polnische Arbeitskräfte im Reich wie 1914. Die Zahl der in Deutschland beschäftigten Belgier erhöhte sich bis Kriegsende auf insgesamt ca. 100000 - nach dem Scheitern der Deportationspolitik hatten die deutschen Besatzungsbehörden 1917/18 in Belgien die Lebensbedingungen weiter verschlechtert und zugleich die Anreize zur Arbeitsaufnahme in Deutschland verstärkt.

Auch wenn die Rekrutierungspolitik gegenüber ausländischen Zivilarbeitskräften nicht den von den Militärbehörden erwünschten Erfolg zeigte, wuchs insgesamt die Bedeutung der Ausländerbeschäftigung für die deutsche Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg immer weiter; denn zwischen 1914 und 1918 erreichten Kriegsgefangenenbeschäftigung und Kriegsgefangenschaft bis da-hin nicht gekannte Dimensionen: Ausländer in Deutschland nach ihrer Staatsangehörigkeit 1871-1910, PDF, 94 kb.

Oktober 1918 waren insgesamt 2,5 Millionen Kriegsgefangene im Reich interniert worden, von denen mit über 1,4 Millionen (57 Prozent) der größte Teil aus Russland stammte. Weitere 535000 kamen aus Frankreich (21 Prozent), 186000 aus Großbritannien (sieben Prozent), 148000 aus Rumänien (sechs Prozent) und 133000 aus Italien (fünf Prozent). Bei diesen Angaben handelt es sich jeweils um die festgestellte Höchstzahl der Kriegsgefangenen, nicht aber um die Zahl der darunter gegen Kriegsende tatsächlich noch in deutschem Gewahrsam befindlichen Soldaten, deren Zahl sich auf knapp über zwei Millionen belief. Die Differenz von etwa 500000 Männern ergibt sich daraus, dass insgesamt 107000 Kriegsgefangene flüchten konnten und weitere 219000 freigelassen worden waren, zum Teil im Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene. 135338 Kriegsgefangene starben in deutscher Gefangenschaft, ein Drittel von ihnen an Tuberkulose, ein weiteres Drittel an anderen Infektionskrankheiten (überwiegend Lungenentzündung), viele zudem an den Folgen von Verwundungen, die sie vor der Gefangennahme erlitten hatten.

Einige wenige Angaben mögen die Dimension der Beschäftigung von Kriegsgefangenen in der deutschen Wirtschaft des Ersten Weltkriegs illustrieren: Mitten im Krieg, am 1. August 1916, waren von den zu diesem Zeitpunkt internierten 1,6 Millionen Kriegsgefangenen 90 Prozent beschäftigt (1,45 Millionen). Etwas weniger als ein Viertel davon arbeitete für die Militärbehörden oder übte Tätigkeiten in den Kriegsgefangenenlagern aus. Mehr als drei Viertel (1,1 Millionen) wurden direkt in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt, wobei die Zahl der für die Landwirtschaft herangezogenen kriegsgefangenen Arbeitskräfte mit über 750000 diejenige in der Industrie (330000 Personen) weit überragte.

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Der Anteil der direkt kriegswirtschaftlich eingesetzten Kriegsgefangenen wuchs weiter an: Etwa ein Jahr später (10. September 1917) war die Zahl der Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft deutlich gestiegen auf rund 860000 (die zu drei Vierteln aus dem Zarenreich stammten), diejenige in der Industrie auf etwas mehr als 390000. Hier dominierte mit 170000 beschäftigten Kriegsgefangenen eindeutig der Bergbau als größter Einzelsektor. Zu diesem Zeitpunkt stellten die Kriegsgefangenen vermutlich über 15 Prozent aller abhängig Beschäftigten in der deutschen Wirtschaft. Kurz vor Kriegsende waren etwa 1,9 Millionen Gefangene beschäftigt: ca. 1,5 Millionen Gefangene wurden in Landwirtschaft und Industrie eingesetzt, 936000 in der Landwirtschaft.

Angaben über die Entwicklung der Kriegsgefangenenbeschäftigung in den einzelnen Kriegsjahren zeigen, dass das Jahr 1915 eine entscheidende Zäsur darstellte: Im April/Mai 1915 waren zwar bereits über 800000 Kriegsgefangene im Reich interniert; in Industrie und Landwirtschaft aber fanden sie sich bis dahin kaum - nur etwa 27000 zählte z. B. die preußische Landwirtschaft. In den folgenden Monaten wurde der klare Anstieg der Kriegsgefangenenzahlen noch übertroffen von der rapiden Zunahme der in der Kriegswirtschaft beschäftigten Gefangenen: Bis September 1915 kletterte ihre Zahl allein in der preußischen Landwirtschaft um das Zwölffache auf 330000. Besonders im Frühsommer 1915 gingen die Zahlen sprunghaft in die Höhe: in der preußischen Provinz Hannover z. B. von 8000 im Juni auf 35000 im August, in Preußen insgesamt von 190000 im Juli auf 307000 im August. Innerhalb der nächsten zwölf Monate gab es erneut eine Verdoppelung: 670000 Kriegsgefangene arbeiteten im September 1916 in der Landwirtschaft Preußens.

Die Zäsur des Jahres 1915 zeigt, wie die Frage der Rekrutierung von Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte in Deutschland erst vor dem Hintergrund der zunehmenden Ausrichtung der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion auf die Anforderungen einer Kriegswirtschaft in den Mittelpunkt rückte. In den ersten Kriegswochen 1914 hatten dagegen insbesondere die Vorstellungen über eine nur kurze Kriegsdauer ganz entscheidend dazu beigetragen, dass Planungen über eine mögliche Verwendung von Kriegsgefangenen in Industrie und Landwirtschaft unterblieben: Kriegsgefangenenbeschäftigung galt als Konkurrenz angesichts der zunächst herrschenden Massenerwerbslosigkeit. Für die längerfristige Unterbringung einer größeren Zahl von Kriegsgefangenen lagen zu diesem Zeitpunkt keinerlei Planungen vor, was zu schweren Folgeproblemen für die Lebensverhältnisse der Kriegsgefangenen während der ersten Kriegsmonate in den rasch und nur provisorisch errichteten Lagern mit Zelten oder Erdhütten als Behelfsquartieren führte - isoliert von der einheimischen Bevölkerung auf Truppenübungsplätzen, Schießplätzen und in Festungen über das ganze Reich verteilt.

Bei Mangel an ärztlichen Kräften und Pflegepersonal breitete sich in dieser Situation vor allem die Infektionskrankheit Fleckfieber seuchenartig aus: Im großen Unterkunftslager Brandenburg erkrankten z. B. im Winter 1914/15 von 9700 Gefangenen 7100 an Fleckfieber. Von den 1914 bis 1918 insgesamt in den deutschen Kriegsgefangenenlagern verzeichneten rund 39000 Fleckfiebererkrankungen unter russischen Kriegsgefangenen war der weitaus überwiegende Teil schon innerhalb des ersten Kriegsjahres aufgetreten. Etwa ein Zehntel der Fleckfieberkranken starben, eine für diese Krankheit relativ niedrige Sterblichkeit, die aber nicht auf rasche Seuchenbekämpfung und zureichende ärztliche Hilfeleistung, sondern auf das niedrige Lebensalter und die ausgeprägte Immunität der russischen Kranken als Folge der häufigen Epidemien im Zarenreich zurückzuführen war. Andere Infektionskrankheiten wie Ruhr und Typhus kamen hinzu. Katastrophal waren die Verhältnisse im Lager Wittenberg. Hier brach im Dezember 1914 unter den russischen Kriegsgefangenen eine Typhusepidemie aus, die aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung über Monate hinweg nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte.

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Die Kriegsgefangenen arbeiteten in den ersten Kriegsmonaten, wenn überhaupt, nur innerhalb der behelfsmäßig errichteten Lager beim Auf- bzw. Ausbau der eigenen Unterkünfte sowie bei der Pflege, Instandhaltung oder Erweiterung der Infrastruktur der häufig als Lagerstandorte verwendeten Truppenübungs- oder Schießplätze. Ziel war hierbei vor allem ihre Disziplinierung sowie die Senkung der Unterbringungskosten. Ende August/Anfang September 1914 begann darüber hinaus die Erschließung neuer Unterkunfts- und Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Truppenübungsplätze, die vor allem über Kultivierungen in Moor-, Heide- und Bruchgebieten realisiert werden sollten.

Ab Anfang 1915 aber ging es nicht mehr um die Schaffung solcher „Arbeitsgelegenheiten": Zu einem der wichtigsten Ziele der immer weiter ausgreifenden Arbeitskräftepolitik des Staates wurde es, die Millionen eingezogenen männlichen Arbeitskräfte aus allen Beschäftigungsbereichen durch Kriegsgefangene zu ersetzen. Voraussetzung dafür war die weit gehende Umorientierung der Militärbehörden: die Wende von der Minderung des gegnerischen militärischen Potenzials durch die reine Internierung von Soldaten zugunsten der Nutzung ihrer Arbeitskraft in allen Bereichen der Kriegswirtschaft.

Erst im Zuge dieser Umorientierung verbesserten die Militärbehörden die bis weit in das Jahr 1915 hinein herrschenden katastrophalen Ernährungs- und Unterkunftsbedingungen in vielen der großen Lager und gewährleisteten eine medizinische Grundversorgung. Durch Verbesserung der Unterkunftssituation, Ernährung und medizinische Versorgung stieg die Zahl der arbeitsfähigen Kriegsgefangenen deutlich an.

Die Politik der Militärbehörden mochte gegenüber den Kriegsgefangenen als einer Gruppe von Zwangsarbeitskräften insgesamt im Wesentlichen einheitlich sein; die Situation des einzelnen Kriegsgefangenen aber hing zugleich entscheidend ab von den jeweiligen Lebens- und Arbeitsverhältnissen an seinem Einsatzort. Hier ergaben sich große Unterschiede: Ende 1917 waren etwa 15 Prozent aller beschäftigten Gefangenen im Kohle- und Salzbergbau tätig. Für die 170000 Kriegsgefangenen bedeutete der gefürchtete Einsatz in den Gruben schwere körperliche Arbeit und Internierung in werkseigenen Arbeitslagern bei vergleichsweise schlechter Ernährungslage trotz Zusatzverpflegung. Schlechte Lebensmittelversorgung und Internierung in Arbeitslagern spielten in der Rüstungsindustrie ebenfalls eine wesentliche Rolle. Wie im Bergbau gab es auch hier immer wieder Konflikte aufgrund schlechter Behandlung durch deutsche Vorarbeiter. Besser waren die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der Regel in der Landwirtschaft, dem Beschäftigungsbereich, der die meisten Kriegsgefangenen zählte. Das hatte nicht nur mit den günstigeren Versorgungsmöglichkeiten mit Lebensmitteln zu tun, sondern auch damit, dass der größte Teil der Kriegsgefangenen einzeln und ohne Bewachung auf den Höfen untergebracht wurde - immerhin waren drei Viertel aller in der Landwirtschaft beschäftigten Kriegsgefangenen in bäuerlichen Betrieben tätig.

In der Tat war die Beschäftigung von Kriegsgefangenen nicht primär von landwirtschaftlichen und industriellen Großbetrieben mit umfangreichen Arbeitskommandos geprägt. Das zeigt auch eine andere Angabe: Am Ende des Krieges verteilten sich die insgesamt rund 1,5 Millionen in Landwirtschaft und Industrie beschäftigten Kriegsgefangenen nach einer überschlägigen Berechnung auf etwa 750000 verschiedene Arbeitsstellen - im Durchschnitt kamen also auf eine Arbeitsstelle zwei Kriegsgefangene. Diese Zahl zeigt zudem, dass Kriegsgefangenenbeschäftigung im Ersten Weltkrieg kein Randphänomen in der Kriegssituation blieb: Kriegsgefangene waren an Arbeitsplätzen im ganzen Reich präsent, und der Kontakt zu den Kriegsgefangenen gehörte seit 1915 zum Alltag von Millionen Einheimischen. Der Krieg der Nationen führte mithin auch in Deutschland selbst zu einer bislang nie dagewesenen Begegnung mit Menschen anderer Nationalität.

Für die deutsche Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg war Ausländerbeschäftigung angesichts der massiven Kriegsanstrengungen und der weithin erfolgreichen alliierten Blockade des Außenhandels im Kriegsverlauf immer stärker zu einer Notwendigkeit geworden. Ohne die über die Vorkriegszeit hinausgehende Internationalisierung der Arbeitsmärkte hätte der Krieg von deutscher Seite nicht so lange fortgeführt werden können. Für die weitere Entwicklung von Ausländerbeschäftigung und Ausländerpolitik erwies sich der Erste Weltkrieg insofern als Schrittmacher, als er staatliche Eingriffe in das Wanderungsgeschehen erheblich forcierte; denn die während des Krieges entwickelten Interventionskapazitäten des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich kaum mehr zurückdrängen. Außerdem war der Erste Weltkrieg im Blick auf die Massenbewegungen von Menschen unter Zwang auch über den militärischen Bereich hinaus ein folgenschwerer „Lernprozess" (Ulrich Herbert) im Blick auf den „Ausländereinsatz" in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und im von Deutschland besetzten Europa (siehe hierzu auch S. 43 ff.).

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1.1 Ein Auswanderungsland wird „ Arbeitseinfuhrland" - Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

1.2 „Feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg

1.3 Migration und Protektionismus in der Zwischenkriegszeit

1.4 Arbeitsmarktkontrolle und Zuwanderungsbegrenzungspolitik

1.5 Flucht, Vertreibung und Emigration als Massenphänomene

1.6 Flucht, Deportation und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg

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